LZsport.de

das lokale sportportal für die region lüneburg

  • Full Screen
  • Wide Screen
  • Narrow Screen
  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size

Wer die Kapelle bezahlt

E-Mail Drucken

Wer wäre am Wochenende wohl deutscher Fußball-Meister geworden, wenn die "Stadt des KdF-Wagens" 1938 nicht bei Fallersleben sondern zum Beispiel bei Lüneburg gegründet worden wäre? Hätte es am Sonnabend ein grün-weißes Fahnenmeer am Alten Kran gegeben, einen Autokorso Am Sande? Wie auch immer, es stellt sich die Frage: Kann man diesen VfL Wolfsburg, der in den Achtzigern noch manche Klatsche beim LSK kassierte, wirklich lieben?

 

Wer diesen VfL nicht unbedingt liebt, für den waren die Fernsehbilder aus Wolfsburg eine Zumutung, eine einzige Dauerwerbesendung aus der VW-Zentrale. Der Oberbürgermeister und der Landesvater schunkelten bei der Autoschau der gesamten Wolfsburger Produktpalette kräftig mit. Die VW-Chefs von Piëch bis Winterkorn hätten die Schale sicher am liebsten gleich in ihr Automuseum geschafft. Der ganze Abend erinnerte an eine "übertrieben pompöse Autohauseröffnung", wie die Berliner Zeitung treffend kommentierte.

Aber wer die Kapelle bezahlt, bestimmt die Musik - das sieht in Hoffenheim und Leverkusen auch nicht anders aus. Doch nirgendwo sonst treten Stadt, Verein und Geldgeber als ein so geschlossener Block auf wie in Wolfsburg. In einer Stadt, in der es sich nicht empfiehlt, Ford oder Opel zu fahren. Wie formulierte es Winterkorn doch unfreiwillig aufkärend? "Erster Volkswagen, Zweiter Bayern, so habe ich mir das gewünscht."

Gönnen wir den Wolfsburgern doch den Titel. Denn es ist schön, dass zum ersten Mal seit Mönchengladbachs Titel-Premiere 1970 ein neuer Name auf der Meisterschale eingraviert werden muss. Dzeko und Grafite waren einfach das Beste, was die Bundesliga in der vergangenen Saison zu bieten hatte - wer außer beinharten Bayern-Fans hat sich nicht köstlich über Grafites Hackentor gegen München amüsiert? Und Felix Magath mag bisweilen ein arroganter Stinkstiefel sein, ist aber halt auch ein sehr guter Trainer.

Aber es ist angesichts des immensen Aufwands weder ein Wunder noch ein Märchen, dass der VfL Meister geworden ist. Es ist eine Millioneninvestition, die sich ausgezahlt hat. Truppen wie Bayern, Schalke oder Werder hatten vornehm formuliert kein besonders gutes Jahr, in Stuttgart oder Hoffenheim hat's jeweils nur für eine gute Halbserie gereicht. Und dennoch: Neidisch werden kann man doch an der Ilmenau, wo der ranghöchste Club im kommenden Jahr um seinen Verbleib in der 5. Liga kämpfen muss. Aber nur ein ganz kleines bisschen.

Andreas Safft

=> Auszeit Wer die Kapelle bezahlt